1000 Steine

EIN AUDIOWALK ÜBER DEN ERSTEN  BERLINER TRÜMMERBERG

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Autor unbekannt, Aufnahme zwischen 1948 -1955, Germany. (Berlin) – NARA – 541693
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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Drittel der angefallenen Schuttmenge der in Berlin zerstörten Gebäude zu Trümmerbergen aufgeschüttet. Berlins Relief und Struktur sind stark geprägt von diesen künstlichen Bergen, die als Naherholungsgebiete angelegt wurden und heute als natürliche Erhebungen wahrgenommen werden.
Die Audioarbeit schafft Querverbindungen zwischen dem Mythos Trümmerfrau, der Sehnsucht nach einer heilen Welt im Nachkriegsberlin und den propagandistischen bzw. revisionistischen Darstellungen der deutschen Kolonien. Das wird konkret an der Geschichte des ersten Berliner Trümmerbergs, des Insulaners verhandelt, die exemplarisch für die Geschichten der insgesamt 18 Berliner Trümmerberge steht.
Bei dem Audiowalk 1000 Steine wird das Gesehene auf akustischer Ebene erweitert: Gedichte, die von AnwohnerInnen geschrieben wurden und Originaltöne aus Film und Fernsehen der 50er Jahre, werden mit narrativen Elementen verbunden. Es kommt zu Überlagerungen von Zeitebenen und Orten, wenn die ZuhörerInnen zum Beispiel eine Grabung auf dem Berg oder den Arbeitsablauf der Enttrümmerung verfolgen. Die ZuhörerInnen bewegen sich hierfür mit Hilfe einer Karte in mehreren Stationen, an denen Tracks gespielt werden über den Berg hinauf zur Wilhelm – Foerster Sternwarte.
Ausgangspunkt der Arbeit ist die Ambiguität der Trümmerberge, der Gegensatz zwischen der schweren Geschichte ihrer Substanz und deren Nutzen als Naherholungsgebiete.
Eingegangen wird auf die Auswirkungen, die diese künstlich angelegte Natur auf die BewohnerInnen und die Stadt hat und inwiefern sich die BerlinerInnen die auf Trümmern gebauten Erholungsorte aneigneten. Das Sichtbarmachen der uns umgebenden urbanen Transformationsprozesse steht hierbei im Zentrum. Es wird verhandelt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und inwiefern ein differenzierteres historisches Verständnis die Grenzen unserer Wahrnehmung erweitern kann. Dabei tun sich Fragen auf nach verklärender Geschichtsschreibung, was eine Gesellschaft erinnert und vergisst und wie mit Zerstörung durch Krieg umgegangen wird.

Dauer: 40 Minuten

Der Audiowalk kann kostenlos auf der Plattform soundcloud nachgehört werden:

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Konzept, Buch und Regie Caroline Böttcher
Ton und Schnitt Caroline Böttcher, Doris Schmidt
SprecherInnen Doris Schmidt, Maximilian Feldmann, Paula Sell, Max Flierl

Gedichte
Schöneberger Südgelände ( Schön süd Berg) von Marie Hempel, Datum unbekannt (Archiv Tempelhof – Schöneberg)
Gruß an die Marienhöhe von Fritz Hielscher von 1952 (Archiv Tempelhof – Schöneberg)
Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, von Günter Neumann, 1950, Tonmaterial des RIAS

Beiträge
Der Augenzeuge, Bunkerbahn am Friedrichshain, 1947 / 55, Progress Filmverleih
Welt im Film August 1946, Bundesarchiv, Transit Filmverleih

Quellen:

Fichtner, Volkmar: Die anthropogen bedingte Umwandlung des Reliefs durch Trümmeraufschüttungen in Berlin ( West) seit 1945. Berlin: SELBSTVERLAG DES GEOGRAPHISCHEN INSTITUTS DER FREIEN UNIVERSITÄT BERLIN, 1977

Forßbohm, Ulrike: Kriegs-End-Moränen. Zum Denkmalwert der Trümmerberge in Berlin. Berlin: Graue Reihe des Instituts für Stadt-und Regionalplanung, Technische Universität, Heft 34, 2011

Mit freundlicher Unterstützung durch

Universität der Künste Berlin
Günter Neumann Stiftung
Archiv Tempelhof – Schöneberg

Gefördert durch die Dezentrale Kulturarbeit Tempelhof-Schöneberg

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Das Projekt wurde am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin entwickelt.

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Durchbrochenes Haus

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Modell „Durchbrochens Haus“, CLC – Print, 24 x 30 cm, Passepartout mit Prägung vom Grundriss, 2015

 

Die Arbeit „Durchbrochenes Haus“ ist die Fortsetzung meiner Arbeit „Mont Klamott“, in der ich mich mit der Geschichte der Trümmerberge und die Auswirkung dieser künstlich angelegten Natur auf die Stadt und ihre Physiognomie, befasste.

Die Arbeit „Durchbrochenes Haus“ ist eine Suche nach der materiellen und geschichtlichen Substanz der Trümmerberge.
Mit den Häusern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden ist auch ein Teil der Berliner Kultur verschwunden. Mein Fokus liegt auf prägnanten Orten, die mit dem Zweiten Weltkrieg vollkommen oder zum Teil zerstört wurden und in Folge der Abräumarbeiten vollends abgerissen wurden. Mit Hilfe von Grundrissen und Fotografien baue ich Modelle von diesen Berliner Gebäuden. Fotografien der an ihrer Stelle neu erbauten Häuser oder Brachflächen und Fotografien der Trümmerberge stellen den Bezug zur Gegenwart her.

 

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Ehemaliger Standort „Durchbrochens Haus“, CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015

 

 

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Plan mit Übersicht der Trümmerberge in Tempelhof- Schöneberg und Geschichte sechs zerstörter Gebäude, 45 x 37 cm, CLC – Print, 2015

 

 

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Standort ehemalige Amerikanische Kirche, CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015

 

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Modell Amerikanische Kirche, CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015 Passepartout mit Prägung

 

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Standort ehemaliges Archäologisches Institut, CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015

 

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Passepartout mit Prägung, Grundriss Archäologisches Institut

 

 

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ehemaliger Standort der „Scala“ , CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015

 

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Modell „Scala“, CLC – Print, 24 x 30 cm, 2015 Passepartout mit Prägung

 

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Passepartout mit Prägung, Grundriss der „Scala“

 

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Plan mit Übersicht der Trümmerberge in Tempelhof- Schöneberg und Geschichte sechs zerstörter Gebäude, 45 x 37 cm, CLC – Print, 2015

Dummy Katalog: »Mont Klamott«

 

Cover

 

»Mont Klamott«

Berliner Trümmerberge

Das Relief und die Struktur der Stadt sind stark durch die künstlichen Berge geprägt. Die unverwertbaren Trümmer der zerstörten Häuser machten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Drittel der gesamten Schuttmenge aus. Durch die Anlegung von Naherholungsgebieten wurden sie in die Umgebung eingepasst. Und die Berliner tauften ihre Berge, die aus den »Klamotten« aufgeschüttet wurden »Mont Klamott«.

Der Katalog besteht aus einem Bildband und einem beigelegten Heft. Dem Betrachter sollen durch diese Unterteilung verschiedene Zugänge zu Geschichte ermöglicht werden:

Der Bildteil gibt einen geschichtlichen Aufschluss auf visueller Ebene. Hier werden Auszüge aus den Arbeiten »Wie kommt das Haus in den Berg?«, »Durchbrochenes Haus« sowie einer neuen Arbeit »Insulaner« mit historischen Abbildungen verbunden. Dieser Teil der Publikation enthält zudem aktuelle Fotografien der 18 Trümmerberge, die wie Landschaftsfotografien anmuten. Die Berge sind so fotografiert, wie sie auf den ersten Blick wahrgenommen werden: als natürliche Erhebungen, als Parks und Naherholungsgebiete. Unterbrochen werden diese Fotografien durch Einschübe historischer Abbildungen, die die Aufschüttungen dokumentieren. Kern des Kataloges bildet die fotografische Dokumentation von Fundstücken, die während der Begehungen der Berge von mir gesammelt wurden.

Das begleitende Heft bildet den theoretischen Unterbau: hier sind selbstverfasste Texte, die Aufschluss über die Geschichte der Trümmerberge geben, Skizzen, Kartierungen, sowie ein Essay von Luise Meier zusammengefasst.

 

 

 

 

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Essay: Luise Meier

 

I´m sorry Janina. I took your photos

Grzybowo is a village close to the Polish health resort of Kolobrzeg on the Baltic Sea.
The house at Uliza Borowska is abandoned.The calendar of 2003 hangs next to the kitchen window. Rotten food is left inside the fridge. Above the doorway and the bed, pictures of Mother Mary are hung in wooden frames.
On the floor of the dormitory some clothes are laying around, in between them are passports and photographs. Important ceremonies in the family history can be seen in the photographs, mainly funerals, weddings and baptisms.
A German sentence is written on the kitchen tiles „Sich regen bringt segen“ ( „To stir brings blessings“).
The house at 78-123 Stary Borek is a former German farm house, built before the turn of the last century.

A passport and a number of photos reveal that a women named Janina Stadnik lived here. She was born in Kielce, a city in the south of Poland.
A part of history is resurrected in front of my eyes. The family must have left the house abruptly the same way the Germans did after Worldwar II.
I decided to take the photographs with me.

78-123 Stary Borek; Grzybowo 106; Polska, Spring 2007

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Wie kommt das Haus in den Berg?

 

 

                     

Mont Klamott – Wie kommt das Haus in den Berg?

Wie wirkten und wirken sich die Trümmerberge auf die Physiognomie der Stadt und den Organismus Stadt aus?

 In meiner Arbeit über die Trümmerberge Berlins habe ich mich mit der Stadt, in der ich geboren bin auseinandergesetzt, sie erkundet und untersucht. Schwerpunkt bildet die Geschichte der Trümmerberge und die Auswirkung dieser künstlich angelegten Natur auf die Stadt und ihre Physiognomie. Das Relief und die Struktur der Stadt sind stark durch die künstlichen Berge geprägt. Die unverwertbaren Trümmer der zerstörten Häuser machten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Drittel der gesamten Schuttmenge aus. Da nach dem Krieg nicht genügend Transportmittel zur Verfügung standen und es nicht möglich war, große Mengen über weite Strecken zu transportieren, wurde ein Plan erstellt, der vorsah, die Trümmer bevorzugt in brach liegenden Parklandschaften aufzuschütten. Durch die Anlegung von Naherholungsgebieten wurden sie in die Umgebung eingepasst.
Die Berliner tauften ihre Berge, die aus den »Klamotten« aufgeschüttet wurden, »Mont Klamott«. Nach fast 70 Jahren sind die Trümmerberge selbstverständlicher Teil der Stadtlandschaft. Viele Anwohner wissen nicht mehr, dass die Berge aus den Ruinen der Stadt bestehen.
16 Trümmerberge habe ich erkundet, fotografiert und im Archiv über ihre Geschichte recherchiert. Meine Fotografien der Berge dienen als Verweis, als aktuelle Referenz, sie markieren den Zeitpunkt, von dem aus ich zu der Entstehungsgeschichte der Orte zurückgehe. Das Fragmentarische ist in meiner Arbeit wichtig: Texte, Zeichnungen, Grafiken, Installationen, Videos und Archivmaterial stelle ich den Fotografien der Orte gegenüber. Die Lesart der Fotografien wird durch die Kombination verschiedener Medien erweitert, Bilddetails, die auf die Vergangenheit der Orte verweisen, können so erst als Spuren ihrer Geschichten gelesen werden. Die Fotografie macht sichtbar, wie Dinge mit der Zeit verschwinden, wie sie überformt werden. Mittlerweile sind viele Trümmerberge überwuchert und die Natur hat sich ihr Terrain zurückerobert.
Der Gedanke, dass sich die Stadtbewohner auf den unverwertbaren Trümmern Berlins erholen, könnte als Metapher für das Vergraben und Zudecken von Geschichte verstanden werden. Doch ich möchte diesen Gedanken widerlegen: Vielmehr stellte man sich mit der schnellen Beseitigung der Trümmer den pragmatischen Anforderungen der Nachkriegszeit: Die günstige und schnelle Beseitigung der Trümmer war wichtig, um Wohnraum zu schaffen, Leichen zu bergen und um den Ausbruch von Seuchen zu vermeiden. Die Grünanlagen wurden zur Verminderung der Luftverschmutzung angelegt. Auch mussten Infrastruktur und  Versorgung wiederhergestellt werden, damit die Berliner durch die Beseitigung der Kriegsschäden Hoffnung schöpfen konnten.

Die Trümmerberge sind heute ambivalente Orte: Als Parks dienen sie der Erholung und dem Vergessen, dem Schönen, dem Zeitlosen, dem Vergnügen – und unter der Erde liegt unsichtbar ein Teil der Stadt und ihrer Architektur und Kultur, die durch den Krieg zerstört wurde. Die Berge erinnern kaum noch an den Krieg und an den Wiederaufbau: Aber sie bestehen aus Geschichte. Sie liegen inmitten der Stadt und bilden gleichzeitig einen Raum außerhalb der Stadt. Einige wenige Denkmäler, die an den Trümmerbergen aufgestellt wurden, schaffen ein Bewusstsein für die Entstehung der Orte. Dass die Berge als Erholungsorte genutzt werden, lässt jedoch kaum zu, dass sie primär zu geschichtsvermittelnden Orten werden, wie zum Beispiel Denkmäler oder andere Erinnerungsorte, die auf ein bestimmtes Ereignis verweisen.

Heute verschwinden Wege, die nicht benutzt werden, unter Grashalmen und Moos. Nur bei genauer Betrachtung ist erkennbar, dass die Vegetation dieser künstlichen Berge anders ist, als die der natürlichen, durch tektonische Prozesse und Erosion entstandenen Berge. Details verweisen auf die anthropogene Entstehung: Steile Anhöhen, die sich inmitten der flachen Stadtlandschaft erheben, Büsche, die etwas karg aussehen oder Bäume, die kraftlos in die Höhe wachsen oder umstürzen, da ihre Wurzeln zwischen den Trümmern keinen Halt finden. Scherben und Mauersteine geraten durch Erosion an die Oberfläche und blitzen unter der Erde hervor.

Die Trümmerberge sind trügerische Orte, an denen die Stadt nur schein- bar zur Ruhe kommt. Ein Teil ihres alten Organismus’, die Überreste der zerstörten Gebäude, liegen dort begraben.

1/2 Wahrheit

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:
Die abgebildeten Fotografien stammen aus Archiven anonymer Fotografen und haben ihren ursprünglichen Kontext verloren.
Die gesammelten „Kurzgeschichten“ basieren zum Teil auf wahren Begebenheiten.

 

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Wir Waren. W…

Auf dem Rustawelis Gamsiri, der Prunkstraße von Tbilisi, standen bis vor einigen Jahren Holzbudengeschäfte. Im Zuge der Restaurierung der Prunkstraße wurden sie abgerissen.
Seither kommen die Händler auf den Boulevard um ihre Ware feil zu bieten. Auf improvisierten Ständen verkaufen sie selbstgemachte Süßigkeiten, Gewürze oder Sonnenblumenkerne, die zur Aufbewahrung in kleinen, aus Zeitungen gefalteten Tüten verkauft werden. Die Papiertüten und Zeitungsstücke, die so oft auf den Straßen liegen oder die der Bäcker nutzt, um das frische Brot einzuwickeln, erinnern an die Verkäufer, die auf den Boulevard wiederkehren um an imrovisierten Ständen ihren Geschäften nachzugehen.

Georgien, 2013